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Wiederbelebung mit telefonischer Hilfe

Viele trauen sich nicht zu, einen anderen Menschen wiederzubeleben. Aber nicht alle wissen: Wer im Notfall die 112 anruft, wird telefonisch durch die Reanimation geleitet
von Julia Rudorf, 21.08.2017

Wichtig: Bei potenziell lebensgefährlichen Gesundheitsstörungen die 112 anrufen

W&B/Astrid Zacharias

"Die Frau, sie atmet nicht! Kommen Sie schnell. So kommen Sie doch, bitte, bitte!" – "Mein Mann kriegt keine Luft mehr. Er röchelt so – und er hatte doch schon einen Herzinfarkt." – "Jetzt kommen Sie, sofort, verdammt! Was soll ich nur machen?"

Die Mitarbeiter der Regionsleitstelle in Hannover wissen, wie sich Panik anhört. Bei Anrufen wie diesen wird ihnen schnell klar: Jetzt ist nicht nur ein Rettungsfahrzeug gefragt, sondern vermutlich auch ihre Erfahrung mit Erste-Hilfe-Maßnahmen und der Wiederbelebung. Denn wer die 112 anruft, ist zwar eigentlich ein Helfer – doch oft ein ziemlich hilfloser: "Für Laien sind das Extremsituationen. Die wenigsten reagieren da rational", sagt Dr. Andreas Flemming, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Hannover.

Die Mitarbeiter der Leitstelle Hannover sind ausgebildete Rettungsassistenten oder -sanitäter

W&B/Stefan Thomas Kröger

Die Notrufzentrale hilft den Helfern

Läuft bei Hauptbrandmeister Christoph Schwake ein Notruf ein, geht es oft um Leben und Tod. Von den aufgeregten Anrufern erfragt er dann nicht nur Namen und Adresse, sondern er will wissen: "Reagiert Ihr Angehöriger, wenn Sie ihn ansprechen? Atmet er normal?"

Ist das nicht der Fall, erscheint auf einem der vier großen Bildschirme vor Christoph Schwake ein spezielles Dokument. "Reanimation Erwachsener" steht in großen Buchstaben darüber. Während sich Notarzt und Rettungswagen auf den Weg machen, liest Schwake jeden seiner Sätze vor: "Die Rettungskräfte sind unterwegs zu Ihnen. Hören Sie jetzt zu, ich erkläre Ihnen, was Sie machen müssen!"

Schritt für Schritt erläutert er dem Anrufer das Vorgehen: "Knien Sie sich seitlich neben den Patienten. Machen Sie den Oberkörper frei von Kleidung. Legen Sie einen Handballen auf die Brustkorbmitte des Patienten …"

Seit etwa acht Jahren bieten zunehmend mehr Leitstellen in Deutschland Anrufern telefonisch ihre Hilfe bei der Wiederbelebung an. Und schaffen auf diese Weise, worauf Experten im Rettungsdienst seit Jahren hinarbeiten: dass sich mehr Menschen zutrauen, Erste Hilfe zu leisten. Noch klaffen hier Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. In einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau gaben zwar rund 65 Prozent der Teilnehmer an, dass sie im Notfall Erste Hilfe leisten würden. Eine Reanimation traute sich jedoch nicht einmal jeder Zweite zu.

Raus aus der Schockstarre

Ist der Ernstfall tatsächlich da, reanimieren Laien allerdings noch seltener: Nur in drei von zehn Fällen beginnen Ersthelfer mit einer Herzdruckmassage. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters.

Dabei lässt sich die Angst überwinden. Etwa wenn ein Profi erklärt, was zu tun ist, sagt die Psychologin Dr. Marion Koll-Krüsmann. "In Extremsituationen können Laien meist nicht gut auf gelerntes Wissen zurückgreifen." Sie stehen unter Schock und schaffen es deshalb nur zeitverzögert, wieder richtig zu handeln. "Übernimmt in dem Moment ein anderer die Führung, dann klappt das erwiesenermaßen besser", so die Lehrbeauftragte für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig- Maximilians-Universität München.

Genau solch eine Führung bietet die telefonische Anleitung zur Reanimation. Ein erklärtes Ziel ist es, damit die Zahl der Menschen zu senken, die einen plötzlichen Herztod erleiden. "Das kann auch Jüngere treffen, bei denen rechtzeitige Reanimation die Überlebenschance deutlich verbessern würde", sagt Dr. Markus Roessler, Notfallmediziner am Uniklinikum Göttingen. Dort wurde das Konzept der Telefonreanimation in Deutschland erstmals umgesetzt.

Lebensretter mit neun Jahren

Wie gut es funktioniert, zeigte im vergangenen Jahr eine Studie aus den USA: Durch die Anleitung geschulter Mitarbeiter der Leitstelle überlebte ein Drittel mehr Patienten. Zudem hinterließ der Herzstillstand bei weniger Betroffenen schwere Schäden.

Hierzulande wissen viele jedoch gar nicht, dass es Telefonreanimation gibt – außer sie haben zufällig etwas dazu in der Presse gelesen. 2016 zum Beispiel ging der Fall eines Neunjährigen in Hessen durch die Medien. Er hatte die 112 gewählt, weil sein zweijähriger Bruder bewusstlos im Pool trieb. Dank der schnellen Anleitung der zuständigen Leitstelle wurde der große Bruder zum Lebensretter. Er holte den Kleinen aus dem Wasser und begann mit der Beatmung. Kurz darauf setzte der Kreislauf des Bewusstlosen wieder ein, er war außer Lebensgefahr.

Ausnahmesituation für Laien, Routine für die Rettungsstellen

Was hier so spektakulär klingt, ist in den Rettungsstellen normaler Arbeitsalltag. Die Regionsleitstelle Hannover ist eine der fünf größten in Deutschland. Über 700 Mal im Jahr, also rund zweimal pro Tag, erklären die Mitarbeiter per Telefon, was bei einer Herzdruckmassage zu tun ist.

Den Ablauf entwickeln die Leitstellen dabei ständig weiter. Wenn die Experten mit Laien sprechen, könne es nämlich leicht zu Missverständnissen kommen, sagt Mediziner Flemming. "Stellen Sie sich vor, der Mitarbeiter würde sagen: ‚Legen Sie die Hände bitte auf den Thorax!‘ So ein Fremdwort reicht, um Ersthelfer zu verunsichern."

Dr. Andreas Flemming, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes von Hannover

W&B/Stefan Thomas Kröger

Jedes Wort auf der Waagschale

Deshalb wird an jeder Formulierung immer wieder neu gefeilt, etwa wenn es um die Ferndiagnose geht. Früher fragten die Leitstellenmitarbeiter die Anrufer beispielsweise, ob sie beim Patienten eine Atmung bemerken. Die Antwort darauf lautete meist Ja – auch wenn der Betroffene eher nur nach Luft japste. Die sogenannte Schnappatmung, die wie ein Seufzen klingt, kann jedoch ein Zeichen für einen Herzstillstand sein, der mit der alten Formulierung vielleicht übersehen worden wäre. Heute wird ausdrücklich nach einer "normalen Atmung" gefragt.

Die meisten Leitstellen nutzen einen genau festgelegten Katalog an Fragen und Sätzen. Jeder Mitarbeiter hat sie als Dokument auf dem Computer und ausgedruckt vorliegen. "Wir lesen die Fragen wortwörtlich so, wie sie im Protokoll stehen – das hat sich als das sicherste Verfahren erwiesen", so Schwake. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 zeigt, dass sich das auszahlt. Über drei Monate wurde dafür jeder Notruf der Leitstelle Hannover genau analysiert. Das Ergebnis: Hielten sich die Mitarbeiter strikt an die Standardfragen, konnten sie etwa doppelt so vielen Patienten richtig helfen.

Untersuchen muss der Helfer

Trotz der fortlaufenden Verbesserungen hat die telefonische Anleitung ihre Grenzen. "Einen Kreislaufstillstand am Telefon richtig zu erkennen ist nicht so einfach, wie es sich anhört", sagt Roessler, der sich im Deutschen Rat für Wiederbelebung für die Telefonreanimation engagiert. Die genaue Untersuchung und der Blick auf den Patienten lassen sich durch ein Gespräch am Hörer nicht ersetzen.

Dazu kommen die Fälle, in denen die Helfer vor Ort die Anweisungen gar nicht umsetzen können. Über 70 Prozent der Notfälle, bei denen eine Wiederbelebung nötig ist, passieren zu Hause, ältere Menschen trifft es häufig. Flemming: "Die Einzigen, die dann helfen könnten, sind die ebenfalls betagteren Partner." Nicht immer sind diese körperlich in der Lage, eine Reanimation durchzuführen. In solchen Fällen raten die Leitstellenmitarbeiter mitunter, schnell einen Nachbarn zu Hilfe zu holen.

Zwischen Tod und Schnupfen

Die Notfälle belasten nicht nur die Helfer vor Ort – sondern auch die am Telefon. Verzweifelte Eltern durch die Reanimation eines Kindes zu leiten sei besonders schlimm, sagt etwa Leitstellenmitarbeiter Schwake. Auch nach vielen Jahren im Rettungsdienst fällt es dem zweifachen Vater schwer, solche Situationen nicht an sich heranzulassen. "Da braucht man erst mal eine Pause, bevor man wieder an seinen Tisch geht und weitermacht."

In größeren Leitstellen können Mitarbeiter sich diese Minuten nach einem solchen Einsatz nehmen. Kurz raus, einen Moment einfach nur in die Sonne gucken. Lange dürfen die Auszeiten nicht dauern, die Telefone klingeln ständig. Doch es geht nicht immer um echte Notfälle. Überall im Land beklagen Rettungskräfte, dass schon bei kleineren medizinischen Problemen der Notruf gewählt wird. Und das, obwohl eigentlich der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 der richtige Ansprechpartner wäre. Ein Phänomen, das mittlerweile einen eigenen Namen hat: Notfall-Schnupfen.

Für die Motivation wichtig seien da die Erfolgsgeschichten, sagt Flemming. Für ihn zum Beispiel die eines Mannes Mitte vierzig, der einen Herzinfarkt erlitt. Seine Frau wählte den Notruf und erhielt eine telefonische Anleitung zur Reanimation. Der Rettungsdienst benötigte bei Eis und Schnee fast eine Viertelstunde. Doch der Mann überlebte – dank der Reanimation und der Helfer am Telefon.



Bildnachweis: W&B/Astrid Zacharias, W&B/Stefan Thomas Kröger

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